Rothirsch auf neuen Wegen?
Im Oktober 2007 veranstaltete die Nationalparkverwaltung in Kooperation mit der Deutschen Wildtierstiftung und dem Verein VAUNA die Rothirschtage im Hans-Eisenmann-Haus. Waldbauern, Jäger, Förster und Naturschützer folgten der Einladung von Nationalpark-Leiter Karl Friedrich Sinner, um sich Gedanken über die zukünftige Behandlung der größten heimischen Säugetierart zu machen.
Dieses Treffen mit Fachvorträgen, Podiumsdiskussion, der Ausstellung „Geweiht, gehegt, geächtet“ und einem Workshop stellte aber nur den Einstieg dar in einen langfristig angelegten Informations- und Diskussionsprozess: Bis 2010 will der Nationalpark Gespräche mit allen Interessengruppen führen, ob der derzeitige Umgang mit dem Rotwild diesen faszinierenden Tieren tatsächlich gerecht wird.
In der nahrungsarmen Zeit von November bis April werden derzeit die Rothirsche im Nationalpark in vier Wintergattern eingesperrt und gefüttert. Dies steht eigentlich im klaren Widerspruch zur Zielsetzung „Natur Natur sein lassen“, hat seine Wurzeln aber in der Geschichte des Nationalparks. Als dieser 1970 gegründet wurde war durch übertriebene Hege die Rothirschpopulation so groß, dass es zu starken Auswirkungen auf den Wald durch Verbiss von Jungwuchs und das Abschälen der Rinde von Bäumen kam. Zwar gibt es im Nationalpark keine „Wildschäden“ - wo der Mensch keine Ansprüche auf Nutzung erhebt, kann kein Schaden entstehen. Aber einzelne, besonders gern verbissene Baumarten wie die Tanne waren stark bedroht.
Dem begegnete man durch Abschuss der überzähligen Hirsche und die Auflösung der damals zahlreich vorhandenen Fütterung, an denen sich das Rotwild sammelte und räumlich konzentriert verbiss und schälte. Als Ersatzlebensraum für das Winterhalbjahr wurden die Gatter errichtet. Das natürliche Abwandern der Tiere im Herbst hinaus in den vorderen Bayerischen Wald, gar bis an die Donau, wollte man aus Rücksicht auf die Waldbauern nicht zulassen.
Heute - im Jahr des internationalen Biodiversitätskonferenz in Bonn - verdient der Rothirsch jedoch eine andere Betrachtung. Naturschutz darf sich nicht auf Seltenes beschränken, sondern muss sich auch um Typisches kümmern. Als bodenständiger „Waidler“ hat der Hirsch ein Naturrecht darauf, seinen Lebensraum selbst zu wählen, ihn wieder zu „erobern“ und dadurch die Artenvielfalt zu erhöhen. Freiwanderndes Rotwild würde den Bayerischen Wald nicht nur in ökologischer Hinsicht bereichern: Als „Naturerbe“, als Teil einer lebenswerten Heimat, sollte es auch künftigen Generationen erhalten bleiben.
Um diesem Ziel näher zu kommen hat die Nationalparkverwaltung den eingangs beschriebenen Kommunikationsprozess ins Rollen gebracht. Auf der Suche nach neuen Wegen im Rotwildmanagement stehen Gespräche mit allen beteiligten Interessengruppen im Mittelpunkt. Gleichzeitig sollen Fachleute und Exkursionen einen Blick über den Tellerrand hinaus ermöglichen, während gezielte wildbiologische Forschung mehr Faktenwissen erschließt. Im Zentrum steht aber die offene, konstruktive Diskussion mit den Menschen vor Ort. Mehrere Gespräche mit Vertretern von Waldbauern, Jägern und Naturschützern fanden schon statt. Nationalpark-Leiter Sinner: „Wir wollen zu einer neuen Form des Miteinanders finden, zu mehr Vertrauen und Akzeptanz. Dies wird dem Rothirsch, aber letztlich auch dem Nationalpark und der Natur allgemein, von großem Nutzen sein!“
[aus technischen Gründen: Download "Konzept für den Kommunikationsprozess" siehe Seitenende]
Wildtierkorridore jetzt!
Praktikable Konzepte sind vorhanden – Politik muss jetzt handeln
Gemeinsame Pressemitteilung von BUND, DJV und NABU
Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), der Deutsche Jagdschutz-Verband (DJV) und der Naturschutzbund Deutschland (NABU) haben heute auf einer gemeinsamen Tagung in Berlin praxisnahe Pläne für die Vernetzung von Wildtierlebensräumen vorgestellt. Im Fokus: die Überwindung der Barriere Straße. „Wirkungsvolle Konzepte liegen vor. Was wir jetzt brauchen, ist ein bundesweiter Umsetzungs- und Finanzierungsplan für den großräumigen Biotopverbund. Gleichzeitig müssen weitere Zerschneidungen verhindert werden“, erklärten der BUND-Vorsitzende Professor Hubert Weiger sowie die Verbandspräsidenten Jochen Borchert (DJV) und Olaf Tschimpke (NABU). Um diese Herkulesaufgabe zu stemmen, müssten Verkehrs- und Umweltministerien auf Bundes- und Landesebene gemeinsam anpacken – ohne weiteren Aufschub.
Nach Ansicht der drei Naturschutzverbände sind Wildtierkorridore und richtig platzierte Querungshilfen in der zersiedelten Kulturlandschaft Deutschlands überlebenswichtig für Tiere mit großem Flächenanspruch. Dazu gehören bedrohte Arten wie Luchs und Wildkatze ebenso wie der Hirsch, die größte heimische Wildart. Das dichte Verkehrsnetz begrenzt ihre Mobilität und behindert eine natürliche Wanderung - auch über Ländergrenzen hinweg.
„Wir fordern – in einem ersten Schritt – bis 2020 jährlich 15 Grünbrücken zu errichten. Die Stellen, wo solche Bauwerke am notwendigsten sind, haben wir in unserem Bundeswildwegeplan benannt“, so NABU-Präsident Olaf Tschimpke. Ein deutliches Signal für die fortschreitende Zerschneidung von Landschaften ist laut DJV die steigende Zahl von Wildunfällen. „Es muss uns gelingen, diesen Trend umzukehren“, betonte DJV-Päsident Jochen Borchert. Die Zahl der Verkehrsunfälle mit Wild müsse jährlich um fünf Prozent verringert werden. „Es gilt, die fortschreitende Isolation von Lebensräumen aufzubrechen“, forderte Borchert weiter. Beim Aus- und Neubau von Verkehrswegen sollten deshalb wirkungsvolle Vermeidungs- und Kompensationsmaßnahmen vorgesehen werden. „Für einen großräumigen Biotopverbund bedarf es neben Querungshilfen grüner Verbundachsen aus Büschen und Bäumen. Der BUND hat dafür den Verantwortlichen in Politik und Behörden ein Korridornetz von 20.000 Kilometer Gesamtlänge vorgestellt. Nur so kann die Zerschneidung von Lebensräumen überwunden werden“, erklärte der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger.
In den Niederlanden, Österreich und der Schweiz wurde bereits erfolgreich begonnen, Lebensräume wieder zu vernetzen. Dies müsse auch zeitnah in Deutschland geschehen, so das Fazit der drei Verbände anlässlich der gemeinsamen Tagung von BUND, DJV, NABU und der Dr. Joachim und Hanna Schmidt Stiftung „Verbinden, was zusammengehört - Wege aus der Zerschneidung von Lebensräumen“, die auch durch das Bundesamt für Naturschutz unterstützt wurde.
Zusätzliche Brisanz bekommt das Thema Biotopvernetzung durch den Klimawandel: Wenn sich die Klimazonen verschieben, werden viele Tierarten in kühlere nordöstliche Gebiete wandern müssen. Dann sind sie besonders darauf angewiesen, sich ungehindert bewegen zu können.
Ansprechpartner:
BUND: Dr. Heidrun Heidecke, Tel. 030-27 58 64 95, Heidrun.Heidecke@bund.net
DJV: Dr. Armin Winter, Tel. 02 28-9 49 06 31, a.winter@jagdschutzverband.de
NABU: Magnus Herrmann, Tel. 030-28 49 84 16 18, Magnus.Herrmann@NABU.de
Herausgeber: NABU (Naturschutzbund Deutschland e.V.) 10108 Berlin
Redaktion: NABU-Pressestelle: Kathrin Klinkusch, Johanna Theunissen und Bernd Pieper (verantwortlich)
Geschäftsstelle: Tel. 030.284 984-15 10, -15 20 und -15 00, Fax: 030.284 984 - 25 00, E-Mail: Presse@NABU.de
Besenderter Luchskater Milan im Nationalpark Šumava fotografiert
Am Freitagabend, den 15.02.2008, gegen 20 Uhr und in der Nacht zum Samstag, den 16.02.2008, gegen 3:30 Uhr, ist unser besenderter Luchskater Milan im Nationalpark Šumava in der Nähe von Borova Lada im Wintergatter fotografiert worden. Er hatte dort ein Rothirschkalb gerissen, woraufhin von den tschechischen Kollegen eine Fotofalle installiert worden war. Milan ist erstmals im März 2005 mit einem GPS-GSM Halsband ausgestattet worden, nachdem er in das Luchsgehege im Tierfreigelände I eingesprungen war. Das Halsband wurde im November 2005 nach erfolgreichem Wiederfang ausgetauscht. Seit Sommer 2006 war es stumm, so dass wir nur noch sporadisch Informationen über seinen Aufenthaltsort erhielten. Zuletzt wurde Milan um Weihnachten bzw. um den Jahreswechsel 2006/2007 mit einer Fotofalle in der Nähe des Wintergatters Neuhüttenwiese fotografiert bzw. an der Schönbuchetstraße gesichtet. Im März 2007 war er dann am Tierfreigelände II gesehen worden. Danach fehlte fast ein Jahr lang jegliche Spur von ihm. Umso erleichterter waren wir, wieder einmal ein Lebenszeichen von ihm bekommen zu haben und ihn wohlauf zu wissen! Der Bereich des Wintergatters bei Borova Lada gehört zur äußersten Begrenzung seines sehr großen Streifgebietes im Nordosten. Identifiziert haben wir Milan über die helle Halsbandfärbung sowie über das charakteristische Fleckungsmuster, das sich auch auf anderen Fotos wieder erkennen lässt.