Newsletter Januar bis März 2007
Besenderte Luchsin Nora reißt besenderten Rehbock Harald

Am Dienstag, den 20.03.2007, erreichte uns per SMS ein Mortalitätssignal von Harald, einem im Januar 2007 im Hammerwald besenderten, etwa 4-jährigen Rehbock. Die Kontrolle am Mittag des 20.03.2007 ergab, dass Harald von einem Luchs gerissen worden war. Da sich die Luchsin Nora zeitgleich ebenfalls im Hammerwald aufgehalten hatte, lag die Vermutung nahe, dass sie den Rehbock gerissen hatte. Um unsere Vermutung zu bestätigen wurde eine Videofalle am Riss installiert. Dabei kam erstmals eine neue digitale Videofalle, die von Stefan Vießmann und Manfred Hartl entwickelt worden ist, zum Einsatz. Mit Erfolg, denn in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag wurden sowohl Nora (zu erkennen an dem Halsbandsender) als auch ein weiterer, unbesenderter Luchs an dem Riss fressend gefilmt. Bei dem zweiten Luchs handelt es sich vermutlich um ein 2006 geborenes Jungtier von Nora. Dieses hat zwar nicht gleichzeitig mit ihr sondern ca. 45min früher an dem Reh gefressen, scheint aber immer wieder mit Nora und einem weiteren Jungluchs zusammenzutreffen oder im gleichen Gebiet unterwegs zu sein. Dies bestätigen Spurmeldungen von jeweils drei Luchsen von Günter Sellmayer und Helmut Penn im Hammerwald bzw. in der Nähe des Wintergatters Neuhüttenwiese.

 

Sichtbeobachtung von Milan am Tierfreigelände II

Der Luchskater Milan wurde am Donnerstag den 22.03.2007 gegen 6:45 Uhr gesehen, wie er die B11 und die Bahngleise überquerte und in Richtung Haus zur Wildnis lief. Diese Beobachtung gelang Max Schwarz und Martin Weber. Am nächsten Tag ist von Reinhold Gaisbauer eine Luchsspur im Tierfreigelände II gemeldet worden, welche von dem neuen Splitsilo unterhalb des Wolfsgeheges vorbei zum frisch besetzten Luchsgehege und weiter in Richtung Wiesen "Große Pflanzenfresser" geführt hat. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Spur vorbei am Luchsgehege ebenfalls von Milan stammt. Die Situation erinnert stark an das Szenario im März 2005, als Milan in das Luchsgehege im TFG I einsprang und daraufhin besendert wurde. Auch wenn Milan - dessen Sender ja seit dem Sommer 2006 stumm ist - diesmal leider nur außen am Gehege vorbeigelaufen ist, freuen wir uns, wieder mal ein Lebenszeichen von ihm bekommen zu haben!

An dieser Stelle sei auch noch mal allen Mitarbeiter/innen der Nationalparkverwaltung herzlich für die zahlreichen, diesen Winter eingegangenen Luchs-Spurmeldungen gedankt!

 

Neue Rehbesenderungen Februar und März 2007

In den Monaten Februar und März 2007 konnten insgesamt sechs Rehe (1 Geiß und 5 Böcke) an verschiedenen Fallenstandorten gefangen und besendert werden. Eines dieser Tiere (Helene) trug bereits seit Januar 2006 einen Halsbandsender, welcher nun ausgetauscht wurde.

Abzüglich des oben erwähnten Todesfalles von dem Rehbock Harald hat sich die Anzahl der aktuell besenderten Rehe damit auf 22 erhöht. Mittlerweile tragen sechs Rehe einen store-on-board Sender, bei dem die Positionsdaten auf dem Halsband gespeichert und nicht per SMS verschickt werden. Sechzehn Rehe tragen weiterhin einen GPS-GSM Sender, wobei fünf Sender ausgefallen sind, so dass derzeit 11 Tiere ihre Aufenthaltsorte per SMS an die Nationalparkverwaltung senden.

 

2. Treffen des Wissenschaftlichen Beirates des Luchs-Reh-Rothirsch-Projektes

Am 15. und 16.02.2007 traten die Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats des Luchs-Reh-Rothirschprojektes der Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald zu ihrem zweiten Treffen im Hotel Sonnenhof in Grafenau zusammen. Der Beirat wurde im Juli 2006 erstmalig zusammengerufen, um das grenzüberschreitende Projekt zur Erforschung der Räuber-Beute-Beziehung von Luchs, Reh und Rothirsch einem wissenschaftlichen Gremium vorzustellen und innerhalb diesem die Projektziele und -durchführung ausführlich zu diskutieren. Elf Wissenschaftler/innen von neun Forschungsinstituten aus drei Ländern (Technische Universität München, Eidgenössisch-Technische Hochschule Zürich, Universität für Bodenkultur Wien, Universität Freiburg, Fachhochschule Weihenstephan, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, Schweizerischer Nationalpark, Institut für Zoo- und Wildtierforschung Berlin, KORA-Schweiz) sind Teil des Wissenschaftlichen Beirates. Zu der Veranstaltung waren außerdem Gäste der Nationalparkverwaltungen Bayerischer Wald und Šumava (CZ), des Naturparks Bayerischer Wald und der Regierung von Niederbayern geladen. Dazu gesellten sich ca. 20 Zuhörer verschiedener Institutionen aus Deutschland und Österreich. Auftakt der Veranstaltung waren Projektstandsberichte von den Nationalparkverwaltungen Bayerischer Wald und Šumava durch Dr. Marco Heurich, Dr. Pavel Šustr und Dr. Ludek Bufka, sowie die Vorstellung des Luchsprojektes des Naturparks Bayerischer Wald durch Manfred und Sybille Wölfl.

Im Nationalpark Bayerischer Wald wurden seit Projektbeginn drei Luchse (2 m, 1 w), 29 Rehe (17 m, 12 w) und 24 Rothirsche (16 m, 8 w) gefangen und mit Halsbandsendern ausgestattet. Bei den Rehen waren seither zehn Abgänge zu verzeichnen: vier Rehe wurden vom Luchs gerissen, zwei regulär erlegt, ein Tier fiel dem Straßenverkehr zum Opfer und bei drei Individuen konnte die Todesursache nicht mehr eindeutig geklärt werden. Die von den Halsbändern aufgezeichneten GPS-Daten der Rehe lieferten interessante und unerwartete Ergebnisse zu ihren Streifgebietsgrößen. Mit durchschnittlich 335 ha (MCP100) waren diese nämlich um einiges größer, als man bisher angenommen hatte. Drei Rehe zeichneten sich außerdem durch außergewöhnliche Weitwanderungen aus. Von den eigentlich als standorttreu geltenden Tieren wanderten zwei Geißen (Mutter und Kitz) von dem Ort der Besenderung 30 km bis in den Nationalpark Šumava, eine weitere Geiß legte sogar 36 km bis zu ihrem neuen Einstandsgebiet im Vorfeld des Nationalparks zurück. Überboten wurden diese Strecken nur durch einen Rehbock aus Tschechien, der ca. 60 km von seinem Besenderungsort entfernt von einem Auto erfasst wurde. Dieser Weitwanderer war einer von bisher 25 besenderten Rehen des Partnerprojekts des Nationalparks Šumava. Außerdem wurden in Tschechien ca. 20 Rothirsche (10 m, 10 w) und zwei Luchskuder gefangen und besendert. Weiterer Inhalt des Projektstandsberichtes des Nationalparks Bayerischer Wald waren erste Ergebnisse zur Nahrungszusammensetzung des Luchs´, zur Auswertung von Aktivitätsdaten, zu Effektivität und Genauigkeit der GPS-Sender sowie zum Verbiss.

Im Verlaufe der nächsten eineinhalb Tage wurden von Mitarbeiter/innen der Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald vier größere Themenblöcke vorgestellt und vom wissenschaftlichen Beirat ausführlich diskutiert. Ein Thema war die Bestandesermittlung von Reh, Rothirsch und Luchs. Das Gremium war sich einig, dass Rehe wie bisher unzählbar bleiben werden. Dennoch kann man sich der Anzahl über diverse Methoden nähern. Zum Einen gibt es die Methode des so genannten „pellet group count“ oder Losungzählverfahrens. Hierbei werden nach definierten Zeiträumen in Raster angelegten Probequadraten die Losungshaufen von Reh und Rothirsch gezählt. Im Verhältnis zur Defäkationsrate der Tierarten kann dann bestimmt werden, wie viele Tiere sich in diesem Zeitraum in diesem Gebiet aufgehalten haben. Somit erhält man eine Dichteverteilung über den gesamten Nationalpark Bayerischer Wald. Für das Rotwild können diese Ergebnisse weiterhin mit den sehr genauen Zählungen aus den Wintergattern unterlegt werden. Zum Anderen verfolgt der Nationalpark die Methode des direkten Zählens der Individuen während einer nächtlichen Befliegung mit einer Infrarotkamera.

Für den Luchs hingegen sind diese beiden Methoden nicht geeignet. Auch das von dem Schweizer Großcarnivorenprojekt KORA entwickelte Fotofallenmonitoring, bei dem die Luchse eindeutig anhand ihrer Fellzeichnung identifiziert werden, eignet sich bei einer zu untersuchenden Fläche von 24.000 ha nicht. Die Doktorandin Kathrin Mayer versucht deshalb ein Haarfallenmonitoring zu etablieren. Hierbei handelt es sich um ein weltweit eingesetztes Verfahren bei dem Tiere animiert werden, sich an Aufbauten zu kratzen. Die Fallen sind simple Holzpflöcke, welche mit einer Fußmatte oder ähnlichem versehen werden. Als Attraktion werden Duftstoffe eingesetzt, welche das Interesse der Luchse wecken sollen. An den Fußmatten bleiben dann die Haare der Tiere hängen. Über das genetische Material aus den Haarwurzeln kann man die Luchse eindeutig identifizieren, unterscheiden und somit zählen. Derzeit läuft bereits ein Pilotprojekt während dessen mehrere solcher Fallen ausgebracht und mit unterschiedlichen Duftstoffen präpariert wurden. Ziel ist es die Effektivität und Einsetzbarkeit der Haarfallen im Bayerischen Wald zu testen.

Neben den wissenschaftlichen Tätigkeiten legt der Nationalpark - so betonte Heurich - auch viel Wert auf den Informationsaustausch und die Zusammenarbeit mit den Jagdrevierinhabern sowie die allgemeine Öffentlichkeitsarbeit im Projekt. Ein wichtiges Informationsinstrument ist die Projekthomepage. In nur 5 Monaten (Oktober 2006 bis Februar 2007) nutzten 27.000 user das Angebot sich jederzeit über unsere Arbeit informieren zu können. Aufgrund dieses großen Zuspruches ist es seit kurzem möglich sich auf der Homepage einen elektronischen Newsletter zu abonnieren und somit die Neuigkeiten bequem nach Hause geliefert zu bekommen.


Neu- und Wiederbesenderung von Rehen

Von Mitte Dezember bis Ende Januar konnten insgesamt sechs Rehe (vier Böcke und zwei Geißen) an verschiedenen Fallenstandorten gefangen und besendert werden. Zwei dieser Tiere (Oleg und Resi) waren bereits im letzten Frühjahr gefangen und besendert worden. Ihr Halsband wurde nun ausgetauscht.

Die Anzahl der aktuell besenderten Rehe hat sich damit auf 20 erhöht. Mittlerweile tragen fünf Rehe einen store-on-board Sender, bei dem die Positionsdaten auf dem Halsband gespeichert und nicht per SMS verschickt werden. 15 Rehe tragen weiterhin einen GPS-GSM-Sender, wobei drei Sender ausgefallen sind, so dass derzeit 12 Tiere ihre Aufenthaltsorte per SMS an die Nationalparkverwaltung senden.

Auch die im Januar 2006 besenderte Geiß Hanna, die nach Grainet abgewandert ist, soll wieder gefangen werden. Wir hoffen, sie neu besendern zu können, um die Langstreckenwanderin möglichst lange weiter verfolgen zu können und um herauszufinden, ob sie dauerhaft in Grainet bleibt oder möglicherweise doch wieder in den Nationalpark zurückkehrt. Mit Hilfe des zuständigen Jagdpächters Herrn Johann Grabmeier wurde daher eine Rehkastenfalle im Wald von Grainet aufgestellt. Betreut wird die Falle vom Nationalparkmitarbeiter Volker Hartwig.

 

Fang von Luchsweibchen Nora

Am Donnerstag, den 17.01.2007, konnte erneut in der Falle am Wintergatter Neuhüttenwiese ein Luchs gefangen und besendert werden. Wir gehen davon aus, dass es sich um das Weibchen handelt, das im Oktober letzten Jahres mit den drei Jungen an dem toten Rothirsch Ivan gefilmt wurde. Wenn es die Witterung jetzt erlaubt, werden wir versuchen an Hand von Spuren unsere Vermutung zu bestätigen.

Die Luchsin - sie wurde Nora getauft - ist etwa 5 Jahre alt und wog ca. 20 kg. Sie wurde mit einem GPS-GSM-Halsband ausgestattet und sendet somit, wie bereits Milan, ihre Aufenthaltsorte per SMS an die Nationalparkverwaltung.

 

Milan und Nero

Seit Anfang Dezember gab es Hinweise auf die Anwesenheit eines Luchses am Wintergatter Neuhüttenwiese. Daraufhin wurde eine Fotofalle installiert, welche dann zwischen dem 5. und 10. Dezember Bilder von Milan aufnahm. Somit ist der Nachweis erbracht, dass Milan lebt und den Halsbandsender immer noch trägt.

Der Luchs blieb in der Nähe des Gatters, woraufhin Ende Dezember eine Kastenfalle am Wintergatter aufgebaut wurde. Mit der ebenfalls installierten Videofalle konnte Milan an der Kastenfalle nachgewiesen werden. Die Falle wurde fängisch gestellt. Vermutlich löste der Wind die Falle aus, denn als Milan in dieser Nacht an die Falle kam, waren deren Türen bereits geschlossen.

In der Nacht vom 3. zum 4. Januar wurde erneut fängisch gestellt. Am folgenden Morgen war die Falle wiederum ausgelöst. Bei der Kontrolle stellte sich heraus, dass ein Luchs in der Falle saß, aber es war nicht Milan, sondern ein Jungluchs .

Nach der Narkose wurde der Luchskater besendert und untersucht. Sein Gesundheitszustand war gut, er wog 12,9 kg und erhielt den Namen Nero. Eventuell ist er eines der drei Jungtiere die Anfang November am toten Hirsch Ivan gefilmt werden konnten. Aufgrund seiner geringen Größe konnte Nero kein GPS-GSM-Halsband angelegt werden. Der junge Luchs trägt nun ein so genanntes „expandierendes“ VHF-Halsband. Das sind spezielle Halsbänder für Jungtiere, diese „wachsen mit“, weiten sich also während des Wachstums.

Die gewissenhaften Vorbereitungen der letzten Monate trugen ihre Früchte in der problemlosen Besenderung von Nero. Unser Dank gilt dem gesamten Fangteam und im Besonderen Max Reinhardt und Frau Dr. Kölbl!

 

Bilanz der besenderten Tiere von 2005 bis 2006

Zum Jahreswechsel wollen auch wir im Luchs-Reh-Rothirsch-Projekt eine kurze Bilanz der bisher besenderten Tiere ziehen.

Rehe:

Seit 2005 wurden insgesamt 22 Rehe (13 männliche, 9 weibliche) mit GPS-GSM-Halsbändern bestückt. Zwei Sender sind ausgefallen und 7 Tiere starben. Davon waren 4 Luchsrisse (alles Männchen) und 3 mal (2 Geißen und 1 Bock) konnte die Todesursache nicht mehr eindeutig geklärt werden. Der Bock Rudi wurde wieder gefangen und bekam einen neuen Halsbandsender. Dieser ist in doppeltem Sinne neu, denn er ist in der Tat neu gekauft und er verfügt über eine andere, - für unser Projekt - neue Technik. So werden Rudis Positionen zwar noch per GPS ermittelt, aber nicht mehr per SMS verschickt. Vielmehr werden die Daten im Halsband gespeichert. Das nennt man store-on-board. Erst wenn diese Halsbänder wieder bei uns sind, können wir die Positionsdaten auslesen. Insgesamt sollen 15 Rehe mit dieser Senderart ausgestattet werden. Der Bock Jakob wurde als zweiter mit einem Store-on-board-Sender ausgestattet. Somit sind derzeit 16 Tiere besendert, wovon 14 Sender funktionieren. Im Internet können jedoch nur die Daten der 12 Rehe dargestellt werden, die GPS-GSM-Sender tragen.

Rothirsche:

Ebenfalls seit 2005 wurden 8 männliche und 5 weibliche Rothirsche mit GPS-GSM-Sendern besendert. Davon wurden vier Tiere wieder entsendert, 5 Sender sind nach knapp 1,5 Jahren ausgefallen. Die Hirschkuh Sissi wurde regulär bejagt. Der junge Hirsch Iwan wurde sehr wahrscheinlich von einem Luchs attackiert, aber nicht unmittelbar gerissen, sondern wehrte sich und erlag erst später seinen Verletzungen. Somit senden derzeit nur Supergirl und Faballa. Diese weiblichen Hirsche sind aber bezüglich ihrer Raumnutzung besonders interessant, denn sie gehören zu den Individuen, welche nicht in den Wintergattern überwintern.

Luchs:

Der Luchskuder Milan wurde im November 2005 gefangen, um den Halsbandsender auszutauschen. Mittlerweile ist auch dieses Halsband ausgefallen. Deshalb ist die Luchsbilanz schnell zusammengefasst: Ein Luchskuder trägt einen Sender, nimmt aber keine Daten mehr auf. Letzte Woche wurde Milan mittels einer Fotofalle an einem Ort nachgewiesen, wo er sich bereits öfter aufhielt. Es scheint, als könnte unser Wissen über seine Raumnutzung uns helfen, ihn wiederzufangen. Wir versuchen mit Hochdruck Milan zu fangen und zu entsendern. Jedoch mindert das milde Wetter unsere Chancen.